TIPP DES MONATS AUGUST

MIT LEISER STIMME - Wenn Schweigen lauter spricht als Worte.

Es gibt Filme, die ihre Botschaft mit großer Geste verkünden und es gibt Filme wie „Mit leiser Stimme“ (À voix basse), die ihre Kraft aus dem Unge­sagten beziehen. Die französisch-tunesische Regisseurin Leyla Bouzid erzählt ihr neues Familiendrama mit bewundernswerter Ruhe und Sensibi­lität und gerade deshalb entfaltet es eine enorme emotionale Wucht. Nach ihrem gefeierten Debüt Kaum öffne ich die Augen und Eine Geschichte von Liebe und Verlangen bleibt Bouzid ihrer Stärke treu: Sie interessiert sich weniger für politische Parolen als für Menschen, deren innere Konflikte zugleich gesellschaftliche Wirklichkeit spiegeln.

Im Mittelpunkt steht Lilia, gespielt von Eya Bouteraa, die nach dem Tod ihres Onkels aus Paris nach Tune­sien zurückkehrt, um der Beerdigung beizuwohnen. Was zunächst wie eine klassische Heimkehrge­schichte beginnt, entwickelt sich zu einer vielschich­tigen Auseinandersetzung mit Familiengeheimnissen, Identität und der Frage, wie viel Wahrheit ein Mensch seiner Familie zumuten kann. Denn Lilia lebt in Frank­reich offen mit ihrer Partnerin zusammen – in Tune­sien verschweigt sie ihre Beziehung. Gleichzeitig versucht sie herauszufinden, warum ihr Onkel unter rätsel­haften Umständen starb und weshalb in der Familie über seine Homosexu­alität nur „mit leiser Stimme“ gesprochen wird.

Eya Bouteraa trägt den Film mit einer beeindrucken­den Natürlichkeit. Sie spielt Lilia weder als Heldin noch als Opfer, sondern als Frau, die zwischen zwei Welten steht und in beiden nie ganz angekommen ist. Ihr Blick verrät oft mehr als jeder Dialog. Gerade in den stillen Momenten gelingt ihr ein außergewöhnlich differen­ziertes Spiel, das die innere Zerrissenheit ihrer Figur jederzeit glaubhaft macht. Zahlreiche Kritiker heben ihre Präsenz und ihre feinen Nuancen als eine der größten Stärken des Films hervor – völlig zu Recht.

Doch so stark Bouteraa auch ist, Hiam Abbass (momentan auch zu sehen im Film "Couscous und Geheimnisse") gehört jede Szene, in der sie auftritt. Als Mutter Wahida verkörpert sie eine Frau, die zwischen Tradition, gesell­schaftlichem Druck und der Liebe zu ihrer Tochter hin- und hergerissen ist. Abbass spielt diese Widersprüche mit einer Intensität, die nie laut werden muss. Ein kurzer Blick, ein Zögern oder eine kaum wahrnehmbare Verän­derung ihrer Mimik erzählen oft mehr als lange Monologe. Gerade weil sie ihre Figur nicht als eindimensionale Gegenspielerin anlegt, sondern als verletzlichen Menschen voller Ambivalenzen, wird Wahida zu einer der faszinie­rendsten Figuren des Films, sie ist das emotionale Zentrum der Geschichte - und man versteht sofort, warum.

Ebenso eindrucksvoll ist Salma Baccar als Großmutter Mamie Néfissa. Mit beeindruckender Präsenz verkör­pert sie die dritte Generation im Film, die gelernt hat, Schmerz und Konflikte hinter Würde und Schweigen zu verber­gen. Ohne große Gesten macht sie spürbar, wie tief familiäre Liebe und gesellschaftliche Konven­tionen miteinander verwoben sind. Jede Szene mit ihr besitzt eine Stille Autorität und verleiht dem Film zusätzliche emotionale Tiefe.

Bemerkenswert ist außerdem, wie Bouzid Spannung erzeugt. Aus einem Familiendrama entwickelt sich beinahe unmerklich ein leiser Kriminalfilm. Die Nach­forschungen über den Tod des Onkels öffnen immer neue Türen zu verdrängten Erinnerungen und gesell­schaftlichen Tabus. Es ist eine gelungene Verbindung aus persönlicher Geschichte, gesellschaftlicher Ana­lyse und subtilen Mystery-Elementen.

„Mit leiser Stimme“ ist kein Film, der einfache Antwor­ten liefert. Er vertraut auf die Intelligenz seines Publi­kums und darauf, dass leise Töne oft länger nachh­allen als laute. Gerade deshalb bleibt er noch lange im Gedächtnis. Wer großes Schauspiel erleben möchte, allen voran Hiam Abbass und Salma Baccar, wer kluges, sensibles Autorenkino schätzt und sich auf eine bewegende Familiengeschichte einlassen möchte, sollte diesen Film unbedingt im Kino sehen. Selten wurde das Schweigen einer Familie so eindring­lich, so menschlich und so berührend erzählt.

Stefan Grips



Tipp des Monats AUGUST

MIT LEISER STIMME - Wenn Schweigen lauter spricht als Worte.

Es gibt Filme, die ihre Botschaft mit großer Geste verkünden und es gibt Filme wie „Mit leiser Stimme“ (À voix basse), die ihre Kraft aus dem Ungesagten beziehen. Die französisch-tunesische Regisseurin Leyla Bouzid erzählt ihr neues Familiendrama mit bewundernswerter Ruhe und Sensibilität und gerade deshalb entfaltet es eine enorme emotionale Wucht. Nach ihrem gefeierten Debüt Kaum öffne ich die Augen und Eine Geschichte von Liebe und Verlangen bleibt Bouzid ihrer Stärke treu: Sie interessiert sich weniger für politische Parolen als für Menschen, deren innere Konflikte zugleich gesellschaftliche Wirklichkeit spiegeln.

Im Mittelpunkt steht Lilia, gespielt von Eya Bouteraa, die nach dem Tod ihres Onkels aus Paris nach Tune­sien zurückkehrt, um der Beerdigung beizuwohnen. Was zunächst wie eine klassische Heimkehrge­schichte beginnt, entwickelt sich zu einer vielschich­tigen Auseinandersetzung mit Familiengeheimnissen, Identität und der Frage, wie viel Wahrheit ein Mensch seiner Familie zumuten kann. Denn Lilia lebt in Frank­reich offen mit ihrer Partnerin zusammen – in Tune­sien verschweigt sie ihre Beziehung. Gleichzeitig versucht sie herauszufinden, warum ihr Onkel unter rätselhaften Umständen starb und weshalb in der Familie über seine Homosexualität nur „mit leiser Stimme“ gesprochen wird.

Eya Bouteraa trägt den Film mit einer beeindrucken­den Natürlichkeit. Sie spielt Lilia weder als Heldin noch als Opfer, sondern als Frau, die zwischen zwei Welten steht und in beiden nie ganz angekommen ist. Ihr Blick verrät oft mehr als jeder Dialog. Gerade in den stillen Momenten gelingt ihr ein außergewöhnlich differen­ziertes Spiel, das die innere Zerrissenheit ihrer Figur jederzeit glaubhaft macht. Zahlreiche Kritiker heben ihre Präsenz und ihre feinen Nuancen als eine der größten Stärken des Films hervor – völlig zu Recht.

Doch so stark Bouteraa auch ist, Hiam Abbass (momentan auch zu sehen im Film "Couscous und Geheimnisse") gehört jede Szene, in der sie auftritt. Als Mutter Wahida verkörpert sie eine Frau, die zwischen Tradition, gesellschaftlichem Druck und der Liebe zu ihrer Tochter hin- und hergerissen ist. Abbass spielt diese Widersprüche mit einer Intensität, die nie laut werden muss. Ein kurzer Blick, ein Zögern oder eine kaum wahrnehmbare Veränderung ihrer Mimik erzählen oft mehr als lange Monologe. Gerade weil sie ihre Figur nicht als eindimensionale Gegenspielerin anlegt, sondern als verletzlichen Menschen voller Ambivalenzen, wird Wahida zu einer der faszinie­rendsten Figuren des Films, sie ist das emotionale Zentrum der Geschichte - und man versteht sofort, warum.

Ebenso eindrucksvoll ist Salma Baccar als Großmutter Mamie Néfissa. Mit beeindruckender Präsenz verkör­pert sie die dritte Generation im Film, die gelernt hat, Schmerz und Konflikte hinter Würde und Schweigen zu verbergen. Ohne große Gesten macht sie spürbar, wie tief familiäre Liebe und gesellschaftliche Konven­tionen miteinander verwoben sind. Jede Szene mit ihr besitzt eine Stille Autorität und verleiht dem Film zusätzliche emotionale Tiefe.

Bemerkenswert ist außerdem, wie Bouzid Spannung erzeugt. Aus einem Familiendrama entwickelt sich beinahe unmerklich ein leiser Kriminalfilm. Die Nach­forschungen über den Tod des Onkels öffnen immer neue Türen zu verdrängten Erinnerungen und gesell­schaftlichen Tabus. Es ist eine gelungene Verbindung aus persönlicher Geschichte, gesellschaftlicher Ana­lyse und subtilen Mystery-Elementen.

„Mit leiser Stimme“ ist kein Film, der einfache Antwor­ten liefert. Er vertraut auf die Intelligenz seines Publi­kums und darauf, dass leise Töne oft länger nachh­allen als laute. Gerade deshalb bleibt er noch lange im Gedächtnis. Wer großes Schauspiel erleben möchte, allen voran Hiam Abbass und Salma Baccar, wer kluges, sensibles Autorenkino schätzt und sich auf eine bewegende Familiengeschichte einlassen möchte, sollte diesen Film unbedingt im Kino sehen. Selten wurde das Schweigen einer Familie so eindring­lich, so menschlich und so berührend erzählt.

Stefan Grips

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