TIPP DES MONATS OKTOBER

Spaziergang nach Syrakus:
Zwischen Fernweh und Heimat

Was bedeutet Freiheit, wenn man den Ort, an dem man lebt, eigentlich liebt? Und kann man fortgehen, ohne seine Heimat zu verlieren? Diesen Fragen widmet sich Lars Jessen in seinem neuen Film: „Spaziergang nach Syrakus““ – einer feinfühligen Mischung aus Drama, Tragikomödie und Reisegeschichte, die weit mehr erzählt als eine spektakuläre Flucht aus der DDR. Im Mittelpunkt steht Paul Gompitz, gespielt von Charly Hübner, der Anfang der 1980er Jahre in der DDR lebt und einen scheinbar einfachen Wunsch hegt: Er möchte nach Sizilien reisen und Johann Gottfried Seumes berühmten „Spaziergang nach Syrakus“ nachvollziehen. Doch für einen DDR Bürger ist eine solche Reise nahezu unmöglich. Aus dem Wunsch nach einer Reise wird deshalb ein jahrelang vorbereiteter Plan zur Flucht.

Der Film basiert auf Friedrich Christian Delius‘ Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, die wiederum von der tatsächlichen Geschichte eines DDR-Bürgers handelt, der von Johann Gottfried Seumes Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“ inspiriert wurde. Aus dieser literarischen Vorlage entwickelt Jessen eine Geschichte über einen Menschen, der die Freiheit sucht, ohne seine Heimat aufgeben zu wollen.

Gerade darin liegt die besondere Stärke des Films, Paul möchte nicht „raus aus der DDR“, er möchte vielmehr einmal hinaus in die Welt. Er liebt seine Frau Anne, seine Umgebung und sein vertrautes Leben. Lina Beckmann verkörpert Anne mit großer Präsenz und einer bemerkenswerten Mischung aus Zuneigung, Stärke und Verletzlichkeit. Zusammen mit Hübner bildet sie ein außergewöhnlich glaubwürdiges Ehepaar. Die beiden spielen ihre Figuren zurückhaltend und ohne übertriebene Sentimentalität- und gerade dadurch entstehen einige der berührendsten Momente des Films. Auch die Tatsa­che, dass Hübner und Beckmann im wirklichen Leben ein Paar sind, scheint dieser Beziehung eine besondere Selbstverständlichkeit zu verleihen.

Charly Hübner ist ohnehin eine Idealbesetzung. Mit seiner ruhigen, leicht verschmitzten Art macht er Paul zu einem sympathischen Eigenwilligen, dessen Beharrlichkeit ebenso bewundernswert wie bisweilen egoistisch erscheint. Denn seine Reise ist nicht nur ein Akt der Selbstbestimmung: Sie verlangt auch von Anne Opfer und Geduld. Allerdings verlangt „Spaziergang nach Syrakus“ auch seinem Publikum einiges an Geduld ab. Fast eine Stunde vergeht, bevor Paul tatsächlich aufbricht. Die lange Vorbereitung wird ausführlich geschildert, was zwar die Besessenheit seiner Figur verständlich macht, dramaturgisch jedoch gelegentlich zäh wirkt. Einige Kritiker bemängeln zudem, dass die eigentliche Italienreise vergleichsweise knapp behandelt wird und die malerischen Bilder bisweilen in touristische Postkartenästhetik kippen.

Doch gerade diese Langsamkeit passt letztlich auch zum Charakter des Films. Jessen interessiert sich weniger für die spektakuläre Flucht als für die Frage, warum ein Mensch überhaupt aufbrechen muss und was er da­bei zurücklässt. Reisen erscheint hier nicht als bloße Flucht vor der Heimat, sondern als Suche nach einem Ort, an dem man sich selbst wieder­findet- und vielleicht sogar nach einem neuen Verständnis davon, wo man eigentlich zu Hause ist.

So ist „Spaziergang nach Syrakus“ kein nervenaufreibender Fluchtthriller, sondern ein leiser, manchmal melancholischer und immer wieder humor­­voller Film über Freiheit, Liebe, Fernweh und Zugehörigkeit. Wer bereit ist, sich auf sein gemächliches Tempo einzulassen, wird mit einer Geschichte belohnt, die noch lange nach dem Kinobesuch nachwirkt. Vor allem aber macht der Film Lust auf eines: selbst aufzubrechen – und sei es zunächst nur um ins Kino zu gehen.

STEFAN GRIPS



Tipp des Monats OktoBER

Spaziergang nach Syrakus: Zwischen Fernweh und Heimat

Was bedeutet Freiheit, wenn man den Ort, an dem man lebt, eigentlich liebt? Und kann man fortgehen, ohne seine Heimat zu verlieren? Diesen Fragen widmet sich Lars Jessen in seinem neuen Film: „Spaziergang nach Syrakus““ – einer feinfühligen Mischung aus Drama, Tragikomödie und Reisege­schichte, die weit mehr erzählt als eine spektakuläre Flucht aus der DDR. Im Mittelpunkt steht Paul Gompitz, gespielt von Charly Hübner, der Anfang der 1980er Jahre in der DDR lebt und einen scheinbar ein­fachen Wunsch hegt: Er möchte nach Sizilien reisen und Johann Gottfried Seumes berühmten „Spazier­gang nach Syrakus“ nachvollziehen. Doch für einen DDR Bürger ist eine solche Reise nahezu unmög­lich. Aus dem Wunsch nach einer Reise wird deshalb ein jahrelang vorbereiteter Plan zur Flucht.

Der Film basiert auf Friedrich Christian Delius‘ Erzäh­lung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, die wiederum von der tatsächlichen Geschichte eines DDR-Bürgers handelt, der von Johann Gottfried Seumes Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“ inspiriert wurde. Aus dieser literarischen Vorlage entwickelt Jessen eine Geschichte über einen Men­schen, der die Freiheit sucht, ohne seine Heimat aufgeben zu wollen.

Gerade darin liegt die besondere Stärke des Films, Paul möchte nicht „raus aus der DDR“, er möchte vielmehr einmal hinaus in die Welt. Er liebt seine Frau Anne, seine Umgebung und sein vertrautes Leben. Lina Beckmann verkörpert Anne mit großer Präsenz und einer bemerkenswerten Mischung aus Zuneigung, Stärke und Verletzlichkeit. Zusammen mit Hübner bildet sie ein außergewöhnlich glaubwürdiges Ehepaar. Die beiden spielen ihre Figuren zurückhaltend und oh­ne übertriebene Sentimentalität- und gerade dadurch entstehen einige der berührendsten Momente des Films. Auch die Tatsache, dass Hübner und Beck­mann im wirklichen Leben ein Paar sind, scheint dieser Beziehung eine besondere Selbstverständlichkeit zu verleihen.

Charly Hübner ist ohnehin eine Idealbesetzung. Mit seiner ruhigen, leicht verschmitzten Art macht er Paul zu einem sympathischen Eigenwilligen, dessen Beharr­lichkeit ebenso bewundernswert wie bisweilen egoistisch erscheint. Denn seine Reise ist nicht nur ein Akt der Selbstbestimmung: Sie verlangt auch von Anne Opfer und Geduld. Allerdings verlangt „Spazier­gang nach Syrakus“ auch seinem Publikum einiges an Geduld ab. Fast eine Stunde vergeht, bevor Paul tat­sächlich aufbricht. Die lange Vorbereitung wird ausführ­lich geschildert, was zwar die Besessenheit seiner Figur verständlich macht, dramaturgisch jedoch gelegentlich zäh wirkt. Einige Kritiker bemängeln zudem, dass die eigentliche Italienreise vergleichs­weise knapp behandelt wird und die malerischen Bilder bisweilen in touristische Postkartenästhetik kippen.

Doch gerade diese Langsamkeit passt letztlich auch zum Charakter des Films. Jessen interessiert sich weniger für die spektakuläre Flucht als für die Frage, warum ein Mensch überhaupt aufbrechen muss und was er dabei zurücklässt. Reisen erscheint hier nicht als bloße Flucht vor der Heimat, sondern als Suche nach einem Ort, an dem man sich selbst wiederfindet- und vielleicht sogar nach einem neuen Verständnis davon, wo man eigentlich zu Hause ist.

So ist „Spaziergang nach Syrakus“ kein nervenaufrei­bender Fluchtthriller, sondern ein leiser, manchmal melancholischer und immer wieder humorvoller Film über Freiheit, Liebe, Fernweh und Zugehörigkeit. Wer bereit ist, sich auf sein gemächliches Tempo einzu­lassen, wird mit einer Geschichte belohnt, die noch lange nach dem Kinobesuch nachwirkt. Vor allem aber macht der Film Lust auf eines: selbst aufzubrechen – und sei es zunächst nur um ins Kino zu gehen.

STEFAN GRIPS

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