TIPP DES MONATS JUNI
NÜRNBERG: Ein Film über Macht, Manipulation und die Abgründe menschlicher Selbstrechtfertigung
Mit Nürnberg wagt sich Regisseur James Vanderbilt an eines der bedeutendsten Kapitel der modernen Rechtsgeschichte – und macht daraus kein trockenes Gerichtsdrama, sondern einen spannungsgeladenen Film über Macht, Manipulation und die Abgründe menschlicher Selbstrechtfertigung. Wer historische Stoffe nur mit staubigen Dialogen und musealer Distanz verbindet, wird überrascht sein: Nürnberg entwickelt über weite Strecken die Intensität eines Psychothrillers.
Im Zentrum steht das psychologische Duell zwischen dem amerikanischen Psychiater Douglas Kelley und Hermann Göring. Kelley soll die führenden Vertreter des NS-Regimes untersuchen und herausfinden, wie Menschen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus fähig waren. Gerade in den Szenen zwischen Kelley und Göring entfaltet der Film seine größte Kraft. Die Gespräche sind geprägt von unterschwelligen Machtspielen, gegenseitiger Beobachtung und dem Versuch, Kontrolle über die Deutung der Geschichte zu gewinnen. Göring erscheint nicht als schreiender Dämon, sondern als intelligenter, manipulativer Machtmensch – und genau das macht ihn so erschreckend.
Russell Crowe liefert dabei eine der stärkeren Leistungen seiner späten Karriere ab. Sein Göring ist charismatisch, arrogant und zugleich von einer fast unheimlichen Ruhe geprägt. Crowe gelingt das Kunststück, den historischen Täter nicht zu verharmlosen und ihn dennoch als komplexe Persönlichkeit zu zeigen. Ihm gegenüber spielt Rami Malek den innerlich zerrissenen Kelley mit kontrollierter Intensität. Besonders in den stilleren Momenten trägt Malek den Film mit Blicken und kleinen Gesten. Das Zusammenspiel der beiden Schauspieler macht Nürnberg sehenswert – selbst dann, wenn das Drehbuch dramaturgisch nicht immer die Tiefe erreicht, die das Thema eigentlich verlangt hätte.
Denn genau hier liegt auch eine der großen Kontroversen um den Film. Die historische Komplexität wird an vielen Stellen zugunsten eines stark amerikanisierten Erzählstils vereinfacht. Die Nürnberger Prozesse waren ein internationales Projekt der Siegermächte – doch im Film dominieren fast ausschließlich die amerikanischen Perspektiven. Die Sowjetunion und Frankreich spielen praktisch keine Rolle. Dadurch entsteht stellenweise der Eindruck, als hätten allein die USA die juristische und moralische Aufarbeitung des Nationalsozialismus getragen. Historisch greift das deutlich zu kurz.
Auch die enorme Bedeutung der Nürnberger Prozesse für das moderne Völkerrecht wird eher angerissen als wirklich vertieft. Dabei entstanden in Nürnberg juristische Grundlagen, die bis heute internationale Strafgerichte prägen. Der Film interessiert sich jedoch stärker für persönliche Konflikte und psychologische Spannung als für rechtshistorische Einordnung. Das macht ihn zugänglicher, kostet ihn aber an manchen Stellen intellektuelle Schärfe.
Trotzdem entwickelt Nürnberg eine enorme emotionale Wucht – insbesondere dann, wenn reale Aufnahmen von der Befreiung der Konzentrationslager eingebunden werden. Diese Bilder reißen den Film aus jeder theoretischen Debatte heraus und erinnern daran, worum es hier tatsächlich geht: um millionenfaches Leid, industrielle Vernichtung und die Frage, wie eine Zivilisation in solche Barbarei abgleiten konnte. Gerade diese Momente bleiben lange im Gedächtnis.
Am Ende blendet der Film das Zitat des Philosophen R. G. Collingwood ein: „The only clue to what man can do is what man has done.“ Es ist ein klug gewähltes Zitat. Denn Nürnberg erzählt nicht nur von der Vergangenheit. Der Film erinnert daran, wie zerbrechlich auch heutzutage Moral, Recht und Demokratie sein können – und warum Erinnerung niemals bequem sein darf.
Vielleicht ist Nürnberg nicht das endgültige Meisterwerk über die Prozesse geworden. Dafür bleibt der Film zu sehr Hollywood, zu sehr auf amerikanische Dramaturgie konzentriert. Aber gerade wegen seiner starken Schauspieler, seiner emotionalen Intensität und seines nach wie vor bedrückend aktuellen Themas sollte man ihn im Kino sehen. Manche Filme unterhalten. Dieser Film zwingt zum Nachdenken.
Tipp des Monats Juni
NÜRNBERG - Ein Film über Macht, Manipulation und die Abgründe menschlicher Selbstrechtfertigung
Mit Nürnberg wagt sich Regisseur James Vanderbilt an eines der bedeutendsten Kapitel der modernen Rechtsgeschichte – und macht daraus kein trockenes Gerichtsdrama, sondern einen spannungsgeladenen Film über Macht, Manipulation und die Abgründe menschlicher Selbstrechtfertigung. Wer historische Stoffe nur mit staubigen Dialogen und musealer Distanz verbindet, wird überrascht sein: Nürnberg entwickelt über weite Strecken die Intensität eines Psychothrillers.
Im Zentrum steht das psychologische Duell zwischen dem amerikanischen Psychiater Douglas Kelley und Hermann Göring. Kelley soll die führenden Vertreter des NS-Regimes untersuchen und herausfinden, wie Menschen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus fähig waren. Gerade in den Szenen zwischen Kelley und Göring entfaltet der Film seine größte Kraft. Die Gespräche sind geprägt von unterschwelligen Machtspielen, gegenseitiger Beobachtung und dem Versuch, Kontrolle über die Deutung der Geschichte zu gewinnen. Göring erscheint nicht als schreiender Dämon, sondern als intelligenter, manipulativer Machtmensch – und genau das macht ihn so erschreckend.
Russell Crowe liefert dabei eine der stärkeren Leistungen seiner späten Karriere ab. Sein Göring ist charismatisch, arrogant und zugleich von einer fast unheimlichen Ruhe geprägt. Crowe gelingt das Kunststück, den historischen Täter nicht zu verharmlosen und ihn dennoch als komplexe Persönlichkeit zu zeigen. Ihm gegenüber spielt Rami Malek den innerlich zerrissenen Kelley mit kontrollierter Intensität. Besonders in den stilleren Momenten trägt Malek den Film mit Blicken und kleinen Gesten. Das Zusammenspiel der beiden Schauspieler macht Nürnberg sehenswert – selbst dann, wenn das Drehbuch dramaturgisch nicht immer die Tiefe erreicht, die das Thema eigentlich verlangt hätte.
Denn genau hier liegt auch eine der großen Kontroversen um den Film. Die historische Komplexität wird an vielen Stellen zugunsten eines stark amerikanisierten Erzählstils vereinfacht. Die Nürnberger Prozesse waren ein internationales Projekt der Siegermächte – doch im Film dominieren fast ausschließlich die amerikanischen Perspektiven. Die Sowjetunion und Frankreich spielen praktisch keine Rolle. Dadurch entsteht stellenweise der Eindruck, als hätten allein die USA die juristische und moralische Aufarbeitung des Nationalsozialismus getragen. Historisch greift das deutlich zu kurz.
Auch die enorme Bedeutung der Nürnberger Prozesse für das moderne Völkerrecht wird eher angerissen als wirklich vertieft. Dabei entstanden in Nürnberg juristische Grundlagen, die bis heute internationale Strafgerichte prägen. Der Film interessiert sich jedoch stärker für persönliche Konflikte und psychologische Spannung als für rechtshistorische Einordnung. Das macht ihn zugänglicher, kostet ihn aber an manchen Stellen intellektuelle Schärfe.
Trotzdem entwickelt Nürnberg eine enorme emotionale Wucht – insbesondere dann, wenn reale Aufnahmen von der Befreiung der Konzentrationslager eingebunden werden. Diese Bilder reißen den Film aus jeder theoretischen Debatte heraus und erinnern daran, worum es hier tatsächlich geht: um millionenfaches Leid, industrielle Vernichtung und die Frage, wie eine Zivilisation in solche Barbarei abgleiten konnte. Gerade diese Momente bleiben lange im Gedächtnis.
Am Ende blendet der Film das Zitat des Philosophen R. G. Collingwood ein: „The only clue to what man can do is what man has done.“ Es ist ein klug gewähltes Zitat. Denn Nürnberg erzählt nicht nur von der Vergangenheit. Der Film erinnert daran, wie zerbrechlich auch heutzutage Moral, Recht und Demokratie sein können – und warum Erinnerung niemals bequem sein darf.
Vielleicht ist Nürnberg nicht das endgültige Meisterwerk über die Prozesse geworden. Dafür bleibt der Film zu sehr Hollywood, zu sehr auf amerikanische Dramaturgie konzentriert. Aber gerade wegen seiner starken Schauspieler, seiner emotionalen Intensität und seines nach wie vor bedrückend aktuellen Themas sollte man ihn im Kino sehen. Manche Filme unterhalten. Dieser Film zwingt zum Nachdenken.